Auslüften am Achensee: Biwak am Zwölferkopf 2017-07-15T19:02:31+00:00

Project Description

Auslüften am Achensee
BERG STATT BETT #3: IM JUNI FLIEGEN WIR AM ACHENSEE DEM NEUEN TAG ENTGEGEN. DA ZEIGT SICH WIEDER MAL EINES: DIE SCHÖNSTEN BERGMOMENTE GIBT’S GRATIS. ERST GLÜHEN DIE WÜRMCHEN, DANN DIE WOLKEN.

Es ist wieder einmal alles spontan. Am Samstag cruisten wir durch die „Ende Nie“ und am Tag nach 38 Seillängen kann das Programm nur lauten: a) Ausschlafen. b) Essen. c) Anreisen zum Achensee. Und wieder b). Und wieder a). Und nochmals b). c) deshalb, weil wir bei der Flugschule Achensee ab Montag ein Sicherheitstraining gebucht haben. Der Regen prasselt auf die Windschutzscheibe, in einer Bäckerei lassen wir uns einen Cappuccino mit Croissants auftischen – gibt’s etwas Schöneres an einem Chill-Out-Tag? Nochmals b). Und sonst?
FLUGMODUS VS. FAULE-SAU-MODUS
Als wir in Pertisau andocken, da lichten sich langsam die Wolken. Der Kopf stellt sich ganz automatisch auf Flugmodus. Für Andi wird es das vierte Sicherheitstraining sein – für mich das erste. Was, wenn ich etwas falsch mache? Die Manöver nicht kapier‘? In der Spirale ohnmächtig werd‘? Und wie ein Sack in den See plumps‘? Um ein bisschen Ruhe in den Kopf zu bringen und den Körper auszulüften, schnappen wir uns die Karwendel-Bahn (Faule-Sau-Modus) und machen einen Gewöhnungs-Flug.

Über dem Achensee.
Urlaubsmodus!
Alles ruhig! Und diese Kulisse! Unter unseren Beinen bettet sich der Achensee zwischen Karwendel und Brandenberger Alpen. Es fühlt sich irgendwie nach Urlaub an. Das „Meer in den Tiroler Alpen“ funkelt ein bisschen türkiser als andere Seen – vor allem am Südufer. Eine optische Täuschung? Oder warum wirkt das so? Mehr dazu später, wir werden die Augen noch öfters in den See köpfeln lassen.
Jetzt geht’s mal wieder zu Tagesordnungspunkt b). Essen, genau. Zu späterer Stunde, als in den Wohnungen bereits über die erste Werbepause im Hauptabendprogramm gezappt wird, tischt Andi diese Idee auf: Was, wenn wir endlich mal wieder eine Nacht am Berg verbringen statt im Bus? Hätten wir uns doch einmal im Monat fest vorgenommen! Und jetzt ist schon wieder so wenig Juni übrig…

Träum weiter…
Über dem Achensee erwachen! Bei diesen sommerlichen Temperaturen! Und früh morgens nach Pertisau schweben… Irgendwie ja schon eine traumhafte Vorstellung. Die Überredungszeit dauert wenige Sekunden. Rasten können wir wieder im Büro! Just do it!
Märchenwald
Der Körper ist zwar schon ein bisschen müde so gegen halb 10 Uhr abends, aber wer schöne Momente erleben will, muss halt auch mal seine Komfortzone verlassen. Die ersten Schritte in den Wald – und wir sind wie verzaubert. Überall Glühwürmchen! 500 Höhenmeter lang tänzeln sie an unserer Seite mit. Ein paar schlafen zwischen den großen Blättern am Wegesrand, ein paar schwirren wie betrunkene Nachtschwärmer umher. Die Zeit verfliegt wie bei einer Guten-Nacht-Geschichte. Auf einmal ist man oben beziehungsweise schläft man ein, und man bekommt’s gar nicht mit.

Hunderte Glühwürmchen begleiten uns. Und dann leuchten unten die Lichter.
Startvorteil
Manchmal bimmeln so spät sogar noch Kuhglocken, mal zwitschern Vögel, dazwischen herrscht aber Stille, keine Geräuschkulisse von Bergbahn oder Restaurantbetrieb. Die Stille der Nacht. Unten leuchten die Lichter, oben scheint der Mond. Dazwischen liegen wir auf 1500 Meter über dem Meer und 517 Meter über dem Achensee. Auf dem Zwölferkopf. Direkt neben der Bergstation der Karwendelbahn. Reduziert auf wenige Dinge. Schlafsack, Unterlegsmatte, Gleitschirm, ein Liter Wasser, zwei Knoppers, ein Helm. Dort, wo wir Schlafen, können wir morgens direkt mit unserem UFO in den Tag starten.

Morgens um 5 Uhr.
Sonne auf Wandertag
Die Nacht ist ruhig und lau. Schon früh am morgen, um halb 5 Uhr, öffne ich ein Auge. Es wird schon hell, der Horizont verfärbt sich. Das zweite Auge klappt auf. Einschlafen geht nicht mehr. Der Tag erwacht ganz langsam und wir mit ihm. Das Warten auf den Sonnenaufgang geht los. Erst beginnen die Wolken über dem Karwendel zu glühen, dann werden die Gipfel orange gefärbt. Es wird noch dauern, bis die Sonne ihre Wanderung über das Rofangebirge schafft und ihre Strahlen auf den Zwölferkopf und in unser Gesicht fallen. Hätten wir uns denn einen anderen Berg aussuchen sollen…?

Start in den Tag.
Nichts da. Das Warten könnte nicht schöner sein. Nur ein Kaffee wär‘ jetzt noch gut… Aber wir sind ja schnell unten. Eineinhalb Stunden nach dem Erwachen geht uns das Herz auf. Es ist immer wieder so ein kraftvoller Moment, wenn die Sonne nach Stunden der Finsternis die Haut berührt, das Vitamin D durch den Körper strömt, der Energiehaushalt eine Stromzufuhr erhält, einfach nur der Moment und nichts anderes zählt.

Hinein in den Tag!
Ruhig hinunter gleiten. Für uns die schnellste und eleganteste Form, wieder Talbodenhaftung zu erlangen. Pertisau wirkt noch verschlafen, als wir über den Ort fliegen. Auch der Achensee ist kein Frühaufsteher, er schaut noch finster drein. Ein anderes Bild als an einem Sommernachmittag. Denn seine türkisgrünblaue Kitsch-Beach-Farbe erhält der See erst durch die direkte Sonneneinstrahlung, die kleinste Teilchen im Gebirgswasser sichtbar macht. Es sind hauptsächlich Kalkpartikelchen. Die nimmt der Zufluss aus dem Karwendelgebirge mit, wo Schnee und Eis die Teilchen aus dem Gestein lösen. Die Farbe entsteht erst dann, wenn die Kalkstücke das Sonnenlicht reflektieren. Verstärkt wird das Grün im Sommer durch den erhöhten Mineraliengehalt.
Es wird noch eine Weile dauern, bis die Sonne ins Seeufer taucht. Wir setzen unsere Füße sanft auf das Festland, freuen uns über diesen Morgenflug, marschieren zurück zum Bus – jetzt aber: Kaffee. Und Müsli. Und ein paar Brote für später schmieren. Dann geht’s ab zum Sicherheitstraining. Sieben weitere Flüge sollen es heute noch werden. Und usere Rettungsschirme bleiben sogar trocken…

On air.
NOCH EIN PAAR SCHRÄGE FLÜGE GEFÄLLIG?

See you soon…

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CREATED BY
Marlies Czerny
Credits:
www.hochzwei.media / Andreas Lattner und Marlies Czerny

Einen Augenblick bitte…