Die Alpen auf Asiatisch 2017-09-13T11:54:11+00:00

Project Description

Die Alpen auf Asiatisch
DIE FAHRT AUF DAS JUNGFRAUJOCH IST SEIT 105 JAHREN HÖHEPUNKT EINER SCHWEIZ-REISE – FÜR MEHR ASIATEN ALS ALPINISTEN. KITSCH UND KLISCHEE GIBT’S INKLUSIVE ZUM SCHWER GEWICHTIGEN ZUGPREIS. WIR BIEGEN AB: ZUM MÖNCH.

Wir sind an diesem sonnigen September-Tag nach einer Zugfahrt im Herzen der Schweiz angekommen, dem Top of Europe, wie es Touristiker in die flache Welt verkaufen. Dieses Herzstück pulsiert, wir atmen schneller auf hohen 3454 Metern, und wenn wir uns durch die Massen bugsieren, dann sehen wir weit. Die Augen bleiben hängen auf Gipfeln, die an mehr oder weniger 4000 Metern kratzen. Der Blick fällt Steilflanken hinunter und in Gletscherspalten hinein, er steigt wieder auf und folgt dem 23 Kilometer langen Aletschgletscher, dem größten Eisstrom der Alpen, bis er hinter dem Konkordiaplatz verschwindet.

Aussichtsreich. Links das Aletschhorn, rechts die Jungfrau.
Am Rande dieser Szenerie, auf der Sphinxstation des Jungfraujochs, stehen wir mit meinen beiden Geschwistern, die zum ersten Mal in diese Welt Einblick nehmen wie so viele Asiaten ringsum uns. Hier im obersten Stockwerk des Berner Oberlands überkommt mich der Drang, ins Freie zu flüchten. Nur einmal nicht. Einmal reiste ich hierher mit Karl Mistelberger-Miazaki, es war zum 100-jährigen Jubiläum der Jungfraubahn, ich recherchierte eine Geschichte für die OÖNachrichten.
„Goi, hier kommst dir eher vor wie in Peking als in den Schweizer Alpen.“
Sagte der gebürtige Oberösterreicher, der 1969 in die Schweiz ausgewandert war, und ich nicke. Es wird gekreischt und gequasselt, nicht auf schwiizerdütsch, sondern indisch, japanisch, thailändisch – oder ist das doch chinesisch? Im Jahr 2015 waren es erstmals 1.007.000 Menschen (ja, mehr als eine Million), die auf das Jungfraujoch reisten – nur jeder Dritte kam nicht aus Asien. Das Schweizer Top-Unternehmen, die Jungfraubahn AG, erzielte mit 36,2 Millionen Franken (knapp 32 Mio. Euro) seinen höchsten Gewinn der Geschichte.

Inszenierter Berg
Asien goes Alpen
„Anfangs wollten die Hotels die Japaner-Reisegruppen nicht haben“, erinnerte sich der der Mistelberger-Miazaki Karl, der jahrelang als Zugbegleiter tätig war. Er heiratete eine japanische Reiseleiterin – und kam so zu seinem Doppelnamen. Heute könnten wir hier auf 3454 Metern über dem Indischen Ozean sogar im „Bollywood-Restaurant“ speisen, eine Marketingstrategie, damit sich die Inder nicht mehr ihr eigenes Essen in Tupper-Dosen mitnehmen. Der Gast ist König. Der Gast ist Asiate – also importieren die Schweizer ein Stück Asien in die Alpen.

Multikulti.
Glitzer am Gletscher

Ein Spielplatz unter der Jungfrau.
Von rechts schaut die Jungfrau auf uns, von links zeigt uns der Mönch die eiskalte Schulter, von oben kommt eine Japanerin geflogen. Sie saust, gesichert am Stahlseil, über den Gletscher. Unter dieser Flying-Fox-Anlage wird Ski gefahren und auf Reifen gerutscht. An einem Kiosk können die von der Höhe Berauschten Sekt schlürfen. Was sagt dazu bloß Reinhold Messner? Glitzer und Glamour am Gletscher. Wer als Bergsteiger über die Absperrungen in die hochalpine Welt eintaucht, wird vorher von Asiaten um gemeinsame Fotos gebeten. Viele von ihnen berühren hier erstmals Schnee. Der Klangteppich des Fun Parks breitet sich über dem Konkordiaplatz aus. Es befindet sich hier, das Disneyland der Alpen.

Mastermind. Der Unternehmer und Pionier Adolf Guyer-Zeller hatte die Bahn auf die Jungfrau geplant. 16 Jahre und 16 Millionen Franken später wurde das Joch 1912 eröffnet. Das erlebte er nicht mehr, er starb 1899.
„Wo ein Wille, da ein Weg“ (frei übersetzt von „volere è potere“) war der Wahlspruch von Guyer-Zeller. Heute kommt man an 365 Tagen im Jahr in knapp zwei Stunden ab Interlaken von 568 auf 3454 Meter über d. Meer.
189,60 Schweizer Franken (167 Euro) kostet der Ausflug von Lauterbrunnen auf das Jungfraujoch (hin und retour). Im vergangenen Jahr reisten insgesamt 916.500 Gäste zum Top of Europe. Im Jahr 2015 kamen sogar mehr als eine Million Menschen.
Eiserne Handarbeit. Am 27. Juli 1896 folgte der Spatenstich. Mehr als sieben Kilometer gruben, schlugen und sprengten die Bauarbeiter in den Berg. Nicht alle überlebten diese Knochenarbeit.
Nächster Halt, Eismeer: Heute können die Fahrgäste bei einem Zwischenstopp im Eiger durch ein Fenster auf bizarre Gletscher und Gipfel blicken.
Kitsch und Klischee
„Um konkurrenzfähig zu bleiben, können wir in diesem Wettlauf von Attraktionen nicht stehen bleiben“, sagte mir damals Jungfraubahn-Chef Urs Kessler, „aber die Natur hat immer Vorrang.“ Vorrang? Viele sähen lieber längst ein Stoppschild gekommen. „Vision Ostgrat“ heißt die Idee einer neuen Gletscherbahn bis auf 3705 Meter der Jungfrau. Im Berg hat man sich schon ausgebreitet. Man kann im Eispalast spazieren, der in den Gletscher geschnitzt worden war. Sich am Bankomaten Geld abheben und nebenan eine Rolex kaufen. Hochkonjunktur für Kitsch und Klischee.

Im Inneren des Berges.
NICHTS WIE RAUS

Hochalpine Jungfrauen
Nach dem Rundgang suchen wir das Weite. Über eine breite Ratrac-Spur erreichen wir in einer Dreiviertelstunde die Mönchsjochhütte. Check-In. Und wieder raus. Training und Einschulung für unsere beiden hochalpinen Jungfrauen. Morgen wollen wir auf den Mönch. Ein 4000er als Geschenk zum 40er meiner Schwester. Mein Bruder kommt auch mit. Eine Premiere für beide in dieser Höhe. Wir üben am Trugberg Steigeisen-Technik. Klettern über die felsige Schlüsselstelle am Einstieg des Südostgrats vom Mönch. Sehen uns in der prallen Nachmittagssonne das Gelände an, das wir morgen im Finsteren erklimmen werden. Ein gutes Gefühl auf beiden Seiten, ein spannendes. Wir sind nur wenige 100 Meter weg vom Jungfraujoch, manchmal hört man den Trubel, hier ist aber jeder auf sich alleine gestellt. Weg aus der Sicherheitszone. Meine Gedanken beginnen zu kreisen.

Ein Sprung zurück ins Jahr 2012. Das erste Drittel des Südostgrats liegt hinter mir und zwei Freunden, da stockt uns der Atem, die wunderliche Welt steht plötzlich still. Zwei Menschen stürzen vor unseren Augen über die Südwand des Mönchs in die Tiefe und in den Tod. Mehr als 300 Meter fallen und purzeln sie, die Körper und die Rucksäcke, ihre letzten Spuren ziehen die weiße Flanke hinunter, es sind rote Blutspuren. Erst am Gletscher bleiben sie liegen, reg- und leblos, ein schrecklicher Anblick. Wir rufen die Rega, fühlen uns hilflos, stehen versteinert am Grat, die Gedanken sind kaum zu fassen. Ist das wirklich geschehen? Wir sahen, was wir niemals sehen wollten.

2012. Eine düstere Stimmung.
Es handelte sich um zwei italienische Bergfreunde, 48 und 54 Jahre alt, sie galten als routiniert, das Unglück passierte im Abstieg, ein Seilschaftsabsturz, mehr weiß man nicht. Wir konnten und wollten die Augen nicht verschließen vor diesem Unglück. Das Bewusstsein bekam bei diesem Erlebnis eine neue Dimension. Ich wollte der Bergrettung meiner nächst gelegenen Ortsstelle beitreten (nur wollte diese keine weiteren Mitglieder, und schon gar keine weiblichen), ich wollte helfen können, wenn nur irgendwie zu helfen ist. Das Seil gibt oft nur trügerische Sicherheit. Kein Schritt ist eine Selbstverständlichkeit in diesem Gelände. Auch wenn die Happypeppy-Welt ganz nah ist.
Zurück in die Gegenwart. Früh am Morgen starten wir zum Mönch, wir sind die einzigen. Sichern über die erste Schlüsselstelle hinweg, wir gehen im leichteren Gelände, das sich nicht absichern lässt, wieder seilfrei; jeder übernimmt Verantwortung für seinen Schritt und seinen Tritt, wird es schwieriger, kommt wieder das Seil und wir sichern an Fixpunkten, legen Schlingen über „Köpfeln“ oder Eisenstangen.

Und dann kommt die Sonne

Sie klettert über den Horizont, bemalt den Himmel mit warmer Farbe, sie scheint uns auf die ausgekühlten Wangen, während der Mond den Rücken deckt. Unbezahlbar dieser Moment.

Mit der Sonne fallen die Schritte mit den Steigeisen gleich leichter. Kurz über Fels, wieder in Firn, zurück in den Fels und zum Finale ein Firngrat, der schmal ist und immer schmaler wird. Bis bald nur noch zwei Füße eng nebeneinander Platz haben, der Pickel nicht mehr als Stütze dient. Klopfende Herzen. Konzentration. Nur kein falscher Schritt. Erst links, dann rechts. Atmen. Die „Fliegst du links, spring ich rechts“-Taktik ist keine Option in unserem Kopf. Auch an Umdrehen denkt niemand. Voller Fokus.

Gipfel! Auf dem schmalen Grat lassen wir uns nicht die Schneid‘ abkaufen. Ohne eine Sekunde zu zögern meistern auch Heli und Elfie die Schritte über den scharfen Grat. Elfie schwört dabei auf die Wim-Hof-Methode und ihre Atemtechnik. Lenkt die Gedanken, wo sie hingehören. Auf den nächsten Schritt. Der Mönch ist ein guter Mentaltrainer. Was für ein Finale. Wir fallen uns am Gipfel in die Arme. Und auch der Abstieg erfolgt reibungslos. Erst im unteren Drittel begegnen wir den ersten Bergsteigern an diesem Tag, einem Traumtag.

Geschwister auf dem Gipfel.

Gipfelglückskinder.
Kleine Scheidegg
Bei der Heimreise mit der Jungfraubahn legen wir auf der Kleinen Scheidegg einen Zwischenstopp ein. Auf dieser grünen Almwiese werden die Weichen gestellt nach Lauterbrunnen und nach Grindelwald. Wir essen ein Rösti mit Blick auf die Nordwand des Eigers, dem Abbild für Triumph und Tragödie, lassen sie wirken mit all ihrer Macht. Dort oben dürfte man sich gottverlassen einsam fühlen. Wir aber sind zurück im asiatischen Alpenraum.

Kleine Scheidegg. Nächster Halt: Lauterbrunnen. Mit langer Autofahrt nach Hause.

Gute Nacht!

CREATED BY
Marlies Czerny
Credits:
www.hochzwei.media / Andreas Lattner und Marlies Czerny

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