Er hat an der Uhr gedreht: Ueli Steck 2017-07-03T11:19:06+00:00

Project Description

Er hat an der Uhr gedrehtUeli Steck ist am Peuterey Integral längst über alle Berge, wenn wir unser erstes Freiluft-Biwak einrichten. Ein Interview über den längsten Mont-Blanc-Grat, Uelis undefinierbare Komfortzone und seine Relativitätstheorie.

Anmerkung: Wir kletterten im August 2016 den Peuterey Integral – viel, viel langsamer als Ueli Steck, dafür mit viel, viel Zeit für wunderbare Fotos und Videos. Beim Basteln an unserem neuen Multivisions-Vortrag sprechen wir mit dem Schweizer Weltklasse-Alpinisten über diesen wohl längsten Alpengrat, sein Speedsystem und falschen Stolz. Das war rund ein halbes Jahr, bevor er auf tragische Weise verunglückt ist. Auszüge aus dem Interview sind in unserer Präsentation zu sehen. Die Vollversion gibt’s hier zum Nachlesen 🙂

Lust auf ein Abenteuer? Klink dich rein: www.hochzwei.media/vortraege

hochzwei.media: Alle 82 Alpen-Viertausender in 62 Tagen. In 2:22 Stunden durch die Eiger-Nordwand. 16:09 Stunden für den Peuterey Integral inklusive Abstieg. Bleiben wir beim letztgenannten Beispiel: Worin liegt für dich der Reiz in so einer Speedbegehung?

Die Idee, im Tal zu starten und wieder im Tal abzusteigen, finde ich faszinierend. Das kombiniert das Laufen mit dem Bergsteigen. Mit der Zeit hat sich die Dimension ein bisschen verschoben. Als Bergsteiger hast du das Gefühl, 1500 Höhenmeter sind weit. Wenn du mit Trailrunnern redest, sind 1500 Höhenmeter erst das Aufwärmprogramm. So hat sich das gesteigert. 4000 bis 5000 Höhenmeter sind überhaupt kein Problem. Weil es möglich ist. Mir macht‘s Spaß. Den Rest muss man nicht erklären. Es ist auch völlig egal, ob man etwas in drei Tagen, in einem Tag oder in zehn Stunden macht. Es ist weder das eine richtig noch das andere falsch. Am Schluss musst du es so machen, wie du Spaß hast, und was für dich möglich ist.

Mit welcher Strategie gehst du an so ein Projekt wie den Peuterey-Grat, wieviel Gepäck nimmst du mit?

Das Gewicht ist entscheidend. Ich weiß von mir, wenn der Rucksack mehr als vier Kilogramm wiegt, werde ich viel langsamer. Da mag ich nicht mehr richtig Joggen aufwärts. Sechs, sieben Kilo gehen bereits stark auf die Muskulatur, da kommt ein Einbruch. Daher versuche ich, unter vier Kilo zu bleiben, das ist für mich die Limite. Ich wähle die Touren so aus, dass ich wenig Material brauche. Sonst macht es keinen Sinn mehr, alleine zu gehen, wenn du noch viel sichern musst.

So wie beim Peuterey Integral, da weiß ich, dass ich diese Schwierigkeit locker auf- und abklettern kann (die Schlüsselstelle liegt im sechsten Grad UIAA, Anm.). So macht es richtig Spaß. Da hab ich das Gefühl, ich komme richtig schnell vorwärts, ohne dass es kompliziert wird. Was beim Peuterey schon interessant und komplex ist: Ohne Seil kommst du hier nicht aus. Du musst ja abseilen (mehr als einen halben Kilometer in Summe, Anm.). Das ist komplizierter als bei den Standardüberquerungen, wo du eigentlich gar nichts brauchst. Das ist eine coole zusätzliche Aufgabe, die dich als Bergsteiger fordert. Jeder sagt, du brauchst 60 Meter zum Abseilen auf der Aiguille Noire. Zwei 60 Meter Seile mitschleppen kann ich aber vergessen. Also habe ich gepokert und bin mit 60 Meter und 30 Meter los. Das ging wunderbar. Das sind Faktoren, die du optimieren kannst.
Die Aiguille Noire bin ich zuvor schon gegangen, den oberen Teil hab ich nicht gekannt. So ohne Vorbereitung ging das auch nicht. Es gibt Touren – wie am Pilier Rouge die Bonatti-Route – das ist nicht so kompliziert und komplex, da kannst du mehr pokern und brauchst gar kein Material. Wenn du den Peuterey nicht kennst, kannst du in eine Sackgasse geraten.
Bei irgendeinem Zwischenfall: Wärst du mit deinem spärlichen Gepäck für eine Nacht ausgerüstet? Was sind deine Optionen? Frieren oder Fliegen mit einem Hubschrauber?
Oh… Eine Nacht im Sommer in den Alpen zu verbringen ist überhaupt kein Problem. Ich habe immer eine Rettungsdecke dabei. Du weißt ja nie, was passiert. Die nehme ich sogar mit, wenn ich lange Läufe mache. Ansonsten brauche ich zum biwakieren im Sommer in den Alpen wirklich nichts. Ich habe schon auf 7000 Meter ohne Schlafsack geschlafen. Das geht auch… Also werde ich da nicht so schnell nervös. Aber weißt du: Das mit dem Rausfliegen, das kann dir immer mal passieren. Und ich finde: Wenn es so weit ist, sollte man nicht zu lange warten und nicht zu viele Hemmungen haben, das Telefon in die Hände zu nehmen. Die Möglichkeit einer Hubschrauber-Bergung besteht in den Alpen. Es ist doof, wenn Leute sterben – nur aus falschem Stolz. Dann musst du eben dazu stehen, dass du dich verkalkuliert hast. That’s it.
Das Spannendste am Ganzen ist, dass er vielseitig ist. Wenn du im Tal startest, bist du in den Turnschuhen am Laufen. Dann wechselst du auf die Kletterschuhe, Felskletterei, und am Schluss hast du noch das alpine Gelände und nimmst die Bergschuhe aus dem Rucksack. Ich habe bis jetzt solo keine so komplexe Tour gemacht, rein klettertechnisch, kombiniert und mit Laufen. Auch der Abstieg zieht sich noch bis ins Tal. Das geht auf die Muskulatur.
Nein. Da bewege ich mich in einem Gelände, in dem ich mich extrem wohl fühle. Ich habe mir beim brüchigen Gelände an den Dames Anglaises zwar zwei-, dreimal gedacht, dass ich froh bin, alleine unterwegs zu sein. Du musst nicht groß aufpassen, wenn du einen Stein lostrittst, da passiert ja nix. Du zweit ist das schon sehr anspruchsvoll. Was beim Klettern ohne Seil so wichtig ist: Da musst du in deiner Komfortzone unterwegs sein. Wenn du das Gefühl hast, du bist am Limit und fühlst dich nicht mehr wohl, dann bist du in einem falschen Bereich. Dann wird es gefährlich. Wenn ich immer Angst hätte beim Bergstägen, würde ich es längst lassen. Ich begreife jene Leute nicht, die ständig unter Stress stehen und in Wahrheit überfordert sind. Da wäre es besser, eine etwas einfachere Tour zu gehen, dann bist du in deiner Komfortzone, die nicht gefährlich ist. Das ist natürlich beim Klettern ohne Seil noch viel wichtiger. Ich finde dies einen interessanten Aspekt, den ich in diesem Sommer auch mit Alexander Honnold diskutiert habe: Den El Capitan hat noch nie jemand free solo geklettert. Er ist ziemlich nah daran, das zu machen. Da kamen wir genau zu diesem Punkt: Er hat das Gefühl, wenn er diese eine Stelle klettert, dann muss er diese Komfortzone verlassen. Jetzt ist die Frage: Macht das Sinn oder nicht? Das ist etwas Heikles. Du musst dir bewusst sein: Wenn du das immer machst, geht das irgendwann schief.
Gab es einen Moment, in dem du dich – wenn auch nur kurz – gefürchtet hast?
Wo endet für dich der Komfort?
Das kann ich nicht pauschal sagen. Das ist immer anders, je nach Fitnessstand. Wenn ich eine Zeit nicht in den Bergen unterwegs war, brauch ich wieder ein paar Touren, bis ich drin bin und fange im technischen Gelände einfacher an als ich aufgehört habe. Ich kann nicht pauschal sagen, wo dieser Komfort aufhört. Den muss man ständig anpassen. Es ist sehr wichtig, dass du dich und deinen Ist-Zustand einschätzen kannst. So viele Leute leben in einer Scheinwelt. Ich konnte vor zehn Jahren auch viel schwieriger Felsklettern als heute. Das ist einfach nicht mehr die Realität, das muss ich akzeptieren. Wenn ich das Gefühl habe, immer noch 8a oder 8a+ free solo zu klettern, dann wäre das jetzt ziemlich gefährlich. Da muss man ehrlich mit sich selber sein. Das gilt nicht nur beim Sologehen – auch in der Seilschaft. Das ist eine ewige Gratwanderung, wie weit man geht. Heutzutage ist eine Eiger-Nordwand nicht mehr so anspruchsvoll wie vor 20 Jahren, weil man viel bessere Eisgeräte und besseres Equipment hat. Trotzdem muss der Bergsteiger ein gewisses Niveau haben. Viele haben das nicht und die schaffen die Nordwand auch. Aber du weißt: Wenn da nur das Kleinste schiefgeht, dann haben die keine Lösungen mehr. Da gibt es keine klare Grenze. Ich hab das unlängst am Shivling gesehen (er war mit seiner Frau auf diesen formschönen Sechstausender in Indien): Da kamen zwei Polen ums Leben. Ich frage mich: Warum passiert das immer wieder? Dass Menschen an einem Sechstausender an einem Hirnödem sterben. Sie wären hinauf und hinunter gekommen – aber wenn da nur das Kleinste passiert und man zu wenig Reserven hat, dann ergibt das eine Katastrophe. Ein heikles Thema.
Gibt es Touren, auf denen du keine Uhr mit hast?
Ich laufe oft bewusst ohne Uhr. Vor allem, wenn ich im Grundlagenausdauerbereich unterwegs bin, was ja sehr langsam ist. Wenn ich eine Uhr mit habe, dann habe ich den Hang, etwas zu schnell unterwegs zu sein. Ohne Uhr kann ich es locker nehmen. Ich selber muss für mich aufpassen, dass ich mich nicht zu sehr unter Druck setzen lassen. Dann macht das Bergsteigen ja keinen Spaß mehr. Aber wie beim Peuterey kann ich locker 40 Minuten auf dem Gipfel sitzen bleiben und das Panorama genießen, wenn ich das Gefühl habe, das will ich jetzt. Zuletzt habe ich beim Pilier Rouge und Innominata beide Male bei der Monzinohütte angehalten und Kaffee getrunken, weil der Hüttenwirt immer einen Riesenspaß hat, wenn ich vorbeikomme. Da muss man locker bleiben und aufpassen, dass man es nicht zu sehr auf die Spitze treibt. Es ist völlig egal, ob man zehn Minuten früher oder später auf dem Gipfel steht. Ich finde nur die Möglichkeit so cool, wenn man sagen kann: „Komm‘, gehen wir den Eiger klettern, und zum Abendessen sind wir wieder zurück.” Das Ganze ist völlig entspannt und ohne Stress, weil du sowieso schnell bist. Das ist beim Expeditionsbergestiegen dasselbe: Ich finde es viel angenehmer, wenn man nicht zu viele Biwaks machen muss auf 7000 und 8000 Meter.

Einen Augenblick bitte…