Ein Zelt am Ausstieg 2017-05-03T13:12:10+00:00

Project Description

Ein Zelt am Ausstieg

Berg statt Bett #2: Nach zehn Tagen Krankenhaus endlich wieder eine Nacht am Berg: Im Grazer Bergland klettern wir, bis die Sonne untergeht.

Eh wissen: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Noch überdrübermotiviert im Jänner, mindestens einmal im Monat unser Bett gegen ein Biwak am Berg zu tauschen, kommt im Februar die harte Landung auf dem Boden der Tatsachen. Daran schummelt sich kein Weg vorbei: an der lieben Gesundheit. Die geht immer vor. Gerade als wir wieder aufbrechen wollten, wurde bei Andi ein Problem akut. Die Konsequenz: Zehn Tage Krankenhausbett (mit gefühlt ewigem Warten auf einen OP-Termin) und mehrere Wochen Schonzeit. Der Plan verworfen, das neue Zelt verräumt, andere Prioritäten vorangestellt.

Flucht in den Süden
Ende April. Die Schonzeit neigt sich dem Ende. Wir sind hungrig nach gemeinsamem Abenteuer, bärenhungrig! Wagen wir uns wieder an den Felsen! Der Winter ist im südlichen Oberösterreich eingebrochen und hat seine weißen Spuren hinterlassen. Nach unserem Vortrag in Peuerbach sind wir spätnachts auf dem Heimweg mit dem Campingbus 200 Meter vor dem Haus hängen geblieben… Unsere Skitouren-Motivation ist für dieses Wochenende ungefähr so tief angesiedelt wie die Temperatur. Fliehen wir in den Süden! Lange im Auto sitzen wollen wir keinesfalls für unser dreitägiges Zeitfenster. Maltatal? Kanzianiberg? Warum nicht ins Grazer Bergland, das wär für mich Neuland und keine eineinhalb Autostunden entfernt? Der Blick via Webcam ins Herz der grünen Steiermark gibt uns tatsächlich grünes Licht. Und gegen die Kälte hilft doch warme Kleidung. Auf, auf!

Ähhhm… das ist der Rötelstein? Der mit den Kletterrouten? Die Skepsis verfliegt zum Glück. Zwischen dem Grünzeug findet sich tatsächlich Fels. Fester Fels. Wir starten mit der Route Michelangelo (VI-). Laut Topo auf bergsteigen.com eine „wunderschöne, großartige Line an einer Kante“, und weiter: „Ein Muss bei jedem Grazer Bergland-Besuch“. Diese Beschreibung schraubt die Erwartung nach oben – aber nur mal halb lang. Wie es halt so ist mit Erwartungen: Man ist fast ein bisschen enttäuscht, wenn sie nicht erfüllt werden. Die Route ist ganz nett, durch viele Begehungen sehr schmierig, dafür nicht zu schwierig (juhuuuu, Wechselführung von der ersten bis zur letzten Länge). Über die Graspassagen blicken wir hinweg. Heute geht’s um etwas anderes. Endlich wieder klettern. Gemeinsam klettern. Da wäre jede Route die wunderschönste und großartigste!
Ende Klettergelände.

Hauptsache Fels! Wir genießen den Vormittag. Ein paar richtig schöne Kletterzüge. Garniert mit Gemüse. Wir lassen am Ausstieg die Füße und die Seele baumeln. So gespannt war ich schon, wie weit der Blick hier oben reichen wird. Vielleicht bis ins Gesäuse? Zumindest in die Rottenmanner Tauern? Gar bis zum Dachstein? Unser Blick hört bei den grünen Hügeln ringsum auf. Er wandert nicht auf alpine Schneeberge. Dafür fällt er ins Wasser. Die Mur schlängelt sich durch die Landschaft, ein Bade- und ein Baggerteich malen zwei blaue Tupfer dazu. Der Asphalt ist die künstliche Lebensader durch das Bergland. Der Wind streicht über unser Gesicht. Hat ein bisschen was vom oberösterreichischen Ennstal, denk ich mir. Andi fallen die Augen zu.

Nach unserer Raststation wandern wir zurück zum Bus. Und bleiben mehrmals wie festgewurzelt stehen. Steinböcke! Überall Steinböcke! Kauen seelenruhig vor sich hin. Liegen mitten am Weg, sodass wir mit einem Respektabstand ins Grünland ausweichen. Staunen. Was für wunderbare Tiere!

Mit (Schlaf-)Sack und Pack
Es ist Nachmittag. Zurück im Basecamp. Kaffee kochen, Oster-Brioche mampfen. Andi’s Gesundheitszustand hinterfragen: alles tiptop! Yeahhhh! Es geht also wirklich wieder aufwärts! Und jetzt? Auf ein Neues! Wir packen Zelt, Kocher und Schlafsack zusätzlich zum Kletterzeug in unseren Rucksack. Schließlich wollen wir schon längst unser neues Zelt (Mountain Hardwear Direkt 2) testen, das wir von unserem Partner outdoortrends zur Verfügung gestellt bekamen (dickes Danke auch an dieser Stelle!!!).

Feuervogel in der Roten Wand
Diesmal starten wir mit niedrigen Erwartungen. Es ist wohl bereits 18 Uhr, als wir am Einstieg der Roten Wand stehen. Vor der Route Feuervogel (VI). Nicht ganz die typische Loskletter-Zeit. Die fünf Seillängen sollten sich noch ausgehen, ehe der Himmel das Licht abdreht. Wir sind von Anbeginn hellauf begeistert. Wie geil ist dieser Kamin bitte! Und wie geil wär‘ er ohne Biwakausrüstung im Rucksack!
Feuer frei!

Genial! Andi gehört die erste Länge, ich starte in die zweite. Feuerrot ist der Fels, ehe er in der dritten Länge wieder ergraut. Der Funke der Begeisterung hat uns erwischt. Es ist sehr lässig zum Klettern! Hier! Jetzt! Wo sonst nichts anderes zählt… Endlich wieder klettern. Das Feuer brennt. Diese Leidenschaft! Schmacht!

Flott machen wir Meter, aber diese Pause muss sein. Unser Blick schweift über die im Abendlicht erwärmten Hügel zum Himmel, über die Wolken zurück ins Tal. Wie genial ist diese Stimmung bitte! Wer braucht schon Pro7, Sat1 & Co? Wir lieben dieses Hauptabendprogramm! Spielen unser eigenes GZSZ (Gute Zeiten, Schlechte Zeiten). Und das sind: sehr gute Zeiten!

Zwei Längen klettern wir noch, ehe uns am Ausstieg ein Steinbock begrüßt und sich die Sonne verabschiedet. Eine richtig schöne Abendteuer-Tour!

Kurz überlegen wir, direkt am Ausstieg unser Zelt aufzuschlagen. Oder doch noch zum Gipfel wandern? Weiter geht’s. Fritattensuppe und Kasnock’n aus’m Fertig-Packerl gibt’s zum Abendessen dann. Das Magenknurren wirft auf dem Weiterweg eine Frage auf… Haben wir die Löffel dabei? Oh no…

Erst genießen wir noch die Abendstimmung. Fluchten davor über die furchtbar kleinen Aufhängungen der Zelt-Innenstangen, die massiv an der orangen Plane spannen. Wenn das jetzt schon zwickt? Wie sollten wir dieses Zelt vielleicht einmal im Himalaya aufstellen?

Die nächste Not macht erfinderisch… Ha! Zack die Spätzle! Hinauf auf’s Brillenglas! Selber schuld, wenn die Gläser manchmal sogar von selber heraus fallen und ihre Fassung verlieren. Spätestens hier und jetzt bin ich voll froh, noch zwei Dosen Radler im Rucksack mitgeschleppt zu haben. Herrlich so ein Sternen-Hotel! Mit gekühlter Minibar!

Die Lichter im Tal, oben nur wir, unser Zelt und zigtausende Sterne. Endlich wieder Berg statt Bett! Alles reduziert auf das, was wir selber mitgebracht haben. Ein-mal-eins mit der Natur. Der Wind weht stark. Das Zelt hält stand. Der Körper schmiegt sich auf der aufgeblasenen Isomatte in Position. Der Kopf verschwindet im Carinthia-Schlafsack. Gute Nacht, Schatz!

MORGÄÄÄHN!!!!
Shit, schon wieder verschlafen!

Unser oranges Zelt haben wir nah am Abgrund der Roten Wand gebaut. Ein kleines flaches und steinloses Fleckerl hat sich da gefunden. Morgens schaffen wir es diesmal wirklich, den Sonnenuntergang zu verschlafen… Wär uns fast schon im Jänner bei unserer Flug-Biwak-Tour passiert. Aber diesmal wirklich…?

Zumindest eine zweite Chance bekommen wir, als die Sonne hinter den tiefgelagerten Wolken zum Vorschein kommt. Gilt doch noch als echter Aufgang, oder? 😉

Ich glaub‘, ich dürfte eine halbe Ewigkeit auf dem kleinen Stein neben dem Gipfelkreuz gestanden sein. Fasziniert von der himmlischen Stimmung, wie sich Strahl für Strahl langsam durch die Wolkendecke graben und wieder zum Vorschein kommen. Ringsum spielt es die Farben grau, gelb, blau und zartes rosa. Eingemummt in die pinke Adidas-Kapuze, denn der Wind ist frisch. Das eine oder andere Foto knipse ich. In erster Linie aber: genieße ich. Welch ein Geschenk, so in einen Tag zu starten!

Wir sind ausgekühlt, wir haben ausgeschaut. Die Sonne nimmt ihren üblichen Lauf. Zum Frühstücken gehen wir ins Tal. Voller Bewunderung vorbei an den majestätischen Bergland-Bewohnern. Es ist neun Uhr. Oder schon später. Wer weiß das schon, wir fühlen uns zeitlos. So darf der Tag beginnen!

…und wie er weiterging, das erfahrt ihr in einer nächsten Geschichte 😉

Einen Augenblick bitte…