Im gelben Universum 2017-02-16T21:57:51+00:00

Project Description

Im gelben UniversumDie Wände hängen über, Basejumper springen vorbei: In der Via Vertigine am Monte
Brento ist FEuer unterm Dach.

Die „Via Vertigine“ am Monte Brento ist ein so heißes Unterfangen, dass man sich
daran schnell die Finger verbrennen könnte. Die Route verläuft durch die
wildeste Wandflucht im Sarcatal, die oberhalb der berühmten Sonnenplatten einen
Kilometer in Richtung Himmel schießt und insgesamt 120 Meter überhängt. Wenn man
direkt unter diesem Wandteil des Wahnsinns steht, dem sogeannnten gelben
Universum, wie wir eines Maitages, dann wandert der Blick erstmals hinauf und
noch weiter hinauf, und wenn die Augen schon senkrecht in den Himmel schauen,
dann wird das Genick überstreckt bis man im obersten Augenwinkel das Ende der
Wand, den Ausstieg erspäht. In die gegengesetzte Richtung rutscht das Herz in
die Hose.

Sonnenplatten-Parkplatz

Das heißt Folgendes für die nächsten zwei Klettertage: technisches Klettern mit
allem drum und dran, ein Biwak nach einem Wandviertel, sehr vielen Haken an der
Sache und ziemlich viel Luft unterm Hintern. Oh ja… Hier ist Feuer unterm
Dach! Der Funke der Begeisterung für diese Tour wäre beim Lesen und Hören
einiger Erfahrungsberichte fast schon wieder erloschen. „Was soll man über diese
Route schreiben? Bietet sie schöne Kletterei? Macht es Spaß sie zu klettern?
Würde ich nochmal einsteigen?“, steht auf higher-ground.at und die Antwort
„Nein“ befeuerte die Euphorie ungefähr so sehr wie ein fades Kreuzworträtsel die
Lagerfeuerromantik. Die Zusätze „einzigartiges Klettererlebnis“ und trotzdem
„empfehlenswert“ ließen die Leidenschaft aber noch mehr aufflackern. ABENTEUER!
Großes ABENTEUER! Big smile!

Brenna tuat’s guad!

Eindrücklich. Erdrückend. Drücken wir uns doch davor? Ahhhhh! Andi mitten im
Vorbau.

Packesel. Packt zu!

Erst am Nachmittag kommen wir vom Parkplatz los (mit einem offenen Autofenster,
was wir zu diesem Zeitpunkt freilich nicht wissen…). Am Vormittag waren wir
noch Trittleiter-Shoppen in Arco. Dass wir unsere ultraleichten Flugobjekte
(UFOs) von Airdesign in den Haulbag packen, macht die Sache zwar nicht leichter,
aber noch reizvoller. In unseren Gedanken hat ein Abflug mit dem Gleitschirm
vorerst aber keinen Platz. Erst geht’s vollbepackt in Richtung Vorbau, den wir
heute noch erklettern (VI-).

Schlaf mein Kindchen, schlaf jetzt ein…

Wie Faultiere hängen wir kurz vor dem Finsterwerden an einem Biwak-Baum
(eigentlich sollt er bloß ein Standplatz sein, weil uns der übliche Schlafplatz
auf einem schottrig-abschüssigen Band mindestens genauso ungemütlich erscheint.
Über uns hängt nun das berühmte Universo Giallo, das gelbe Universum. Nach einer
halb wachen Nacht packen wir unsere Schlafsäcke und Paragleitschirme (sie sind
perfekte Kopfpolster) wieder in den Haulbag. Jetzt gibt es nur zwei Optionen:
umziehen oder durchdrehen. Sorry, vertippt: umdrehen oder durchziehen
selbstverständlich. Nun ja, wenn wir schon hier sind…

Von nun an gibt’s kein Zurück mehr. Ein spannendes Gefühl, den Point of no
Return zu überschreiten. Und zu wissen: Die einzige (Wand-) Flucht ist nach
oben. Rückzug: so gut wie ausgeschlossen. Hilfe von oben oder unten: eine
Mission Impossible.

Die steilste Tour, die wir (bisher) geklettert sind.

Mitgehangen. Mitgefangen.

Beide unter einem Dach: Die fotogenste Länge.

Ein Dachverband, der so ganz ohne Funktionäre funktioniert.

Ehe ein gewisser David Lama auf die Welt kam und heran und über sich hinaus
wuchs, glaubte man sowieso, diese Wand sei in freier Kletterei unbezwingbar.
2010 schaffte der Tiroler Ausnahmekönner mit seinem Partner Jorg Verhoeven das
unmöglich Mögliche mit der Tour Brento Centro. Doch von einer 8b bin ich so weit
entfernt wie ein Elefant vom Mount Everest. Also lieber auf die harte
Techno-Tour…

Zzzzzzzzziischhhhhhhhh….

Herzstillstand… Wir waren ja vorgewarnt von Dominik und den anderen
Basejump-Jungs, die wir vor unserem Aufstieg vor der Bar Zebrata trafen. Aber
als dann plötzlich aus heiterem Himmel diese steilen Typen an uns vorbeizischen
im freien Fall, übermannt uns die Schockstarre.

Geht schon! Geh auf, Schirm!

Puh, die Kanonenkugel aus Fleisch und Blut bremst ab… So ganz in ihrer Welt
sind im gelben Universum nämlich die Basejumper. Sie machen unter anderem vom
Exit Point am Ausstieg der Via Vertigine einen Abflug und donnern sicher nicht
gegen einen Felsvorsprung. Sie würden frühestens einen Kilometer weiter unten
aufplatschen, wenn sich der Schirm nicht öffnet. Auch blöd, aber immerhin war’s
ein langer freier Fall.

Bleibt steil.

Etwa elf Basejumper und Wingsuite stürzen sich an diesem Klettertag an uns
vorbei. Sie sind eine willkommene Ablenkung zu unserer monotonen Lei(t)er am
Standplatz (an dem man eher länger steht, weil das Technogezerre doch dauert).
Die Kletterei an sich ist weniger abwechslungsreich. Schema F den ganzen Tag:

Expresse klinken. Leiter einhängen. Höher steigen. Hööher steigen. Strecken.
Weit strecken. Expresse klinken. Leiter einhängen. Weitersteigen. Höher steigen.
Noch höher steigen. Höööööher. Und klinken! So läuft’s zumindest bei Andi ab,
der die Abläufe als alter Techniker spätestens an der berühmten Nose am El
Capitan verinnerlicht hatte.

Mit meinen Erst-Auf-Zehenspitzen-bin-ich-über-1,60-Meter-groß und
Techno-Beginner heißt das: Streeeeeeeeecken. Höööööööööher. Geht sich nicht aus.
Weiter streeeeeeeeecken. Noch höööööööher steigen. Nooooooch höööööher verdammt!
Grmpff… Da war die Übungseinheit in der Roten Wand (link) viel wert. Zur
Beruhigung: Wer’s Technoklettern in der ersten Vertigine-Länge noch nicht drauf
hat, kommt oben als Profi an. 😉

Der Haken an der Sache…

Die Steigerungsstufe von „spannend“ ist dann erreicht, wenn ein Haken fehlt.
Doch unsere Vorkletterer hatten keinen Dachschaden, sie haben ordentliche Arbeit
geleistet und mit Gogo-Gadgeto-Armen oder einer präzisen Handwerksleistung mit
dem Clipstick den übernächsten Haken anvisiert. Sehr vertrauenserweckend ist die
Verbindungsschlinge aber nicht. Die Haken bewegen sich mit jeder Lastverteilung
auf Biegen und Brechen hin und her.

Dach-Vorsprung

Geschätzte dreihundertsiebenundsechzig Klimmzüge später stehen wir an vor einer
platten Wand in der drittletzten Seillänge. Hier fehlt nicht nur ein Haken. Es
fehlen gleich drei. Doch zum Glück hat Andi das lösungsfokussierte Denken
verinnerlicht und eine kreative Lösung parat: 1.) Der frisch in Arco gekaufte
Cliffhanger erweist sich als goldwert; 2.) eine Lasche lässt sich auf den Anker
schrauben; 3.) der Clipstick muss raus und verlängert den Arm. Ein Kraft- und
Balanceakt…

Angsthase 😉

Der auch Zeit kostet, bis wir uns nach einer frei zu kletternden Länge unter dem
letzten Dach finden. Mittlerweile ist es finster geworden. Verflucht… Die
Kräfte sind am Ende! Aber es muss gehen. Also geht’s (klingt banal, ist aber
so). Mit den letzten Reserven. Yes, oben! Geschafft! Aber zu früh gefreut. Die
letzte Länge über eine Vegetarier-Kante ist noch mühsam. Doch jetzt. Endlich…
Oben! Wir sind fertig! Mit der Tour! Mit den Kräften! Wir gehen noch ein par
Meter, bis wir uns am Wegesrand niederlassen. Es ist Mitternacht. Rein in den
warmen Carinthia-Schlafsack, Augen zu, Tieschlaf…

Im Zentrum der Nacht

Augen auf… Sechs Uhr früh, Dominik und die anderen Basejumper marschieren
vorbei. Smalltalk, Gratulation, er ist dann auf dem Sprung. Für uns sehen Wind
und Wetter (und der eigene Actionbedarf) nicht mehr nach einem Abflug aus. Aus
der guten Quelle erfahren wir, dass ein Basejumper-Taxi uns ins Tal chauffieren
könnte. Setzt eine halbe Stunde Fußmarsch zur Forststraße voraus sowie 30 Euro –
und dafür ersparen wir uns einen Kniekiller mit schwerem Gepäck über mehr als
drei Stunden… Gekauft!

Noch als wir uns zum Taxi aufmachen, fängt’s zum Schütten an wie aus Kübeln.
Eine Bestätigung für unsere Entscheidung, doch nicht abzuheben… Zurück bei
unserem Bus aber noch ein Schock: Fenster auf der Fahrerseite geöffnet, Sitz
nass… Aber, welch Wunder im Auotknacker-Paradies: Alles noch da! Vielleicht
liegt’s an Kalle, unserem Eisbären, der am Lenkrad alle angebrummt hat oder
hätte, die sich dem Wagen näherten. Blieb zuguterletzt nur noch ein Problem: Wo
bekommen wir um zehn Uhr vormittags eine Pizza in Arco??? Hunger!!!

Einen Augenblick bitte…