Projekt Beschreibung

Don gemmas an! MARMOLADA-SÜDWAND: DASS WIR SCHON MITTAGS AUF DEM MARMOLADA-GIPFEL D’OMBRETTA SITZEN DÜRFEN, DAS HAUTE UNS AUS DEN SOCKEN. DON QUIXOTE, DU HAST UNS ÜBERRASCHT. IM POSITIVEN!

Es ist doch immer wieder denkwürdig blöd, schon im Zustieg vom Abendessen zu reden. Der Kopf ist dann immer, wenn er nicht grad am Felsen klebt, beim Essen. Na supa, und diesmal sind wir uns schon um 4 Uhr früh sowas von einig: Heute fallen wir in eine Pizzeria ein, in die erstbeste! „Wenn dann hoffentlich überhaupt noch eine offen hat!?“, stellen wir besorgniserregt fest. Lang würd’s dauern, haben wir gelesen, anstrengend wird’s sein, haben wir gehört, und ein Schlechtwetter, trotz stabiler Prognose, das sollte uns auch nicht überraschen auf der 3343 Meter hohen Marmolada. Wir sind auf alles vorbereitet. Auf alles. Für den Fall, spät nachts im Stirnlampen-Schein zu verhungern, sind eine Landjäger und zwei Scheiben Bauernbrot für jeden dabei. Neben den vier Müsliriegeln und dem Studentenfutter, versteht sich.
Der Geist schlemmt schon vor sich hin, da reißen uns zwei grelle Lichtkegel aus der Zustiegs-Träumerei. Ob wir mitfahren wollen? Fragen uns die zwei Jungs auf französisch klingendem Englisch. Jackpot! Wir glauben zwar nicht, dass es erlaubt ist, der Forststraße noch weiter zu folgen, aber sie sind so überzeugt, da reden wir ihnen nicht drein. Und wenn wir’s dadurch rechtzeitig zur Pizza schaffen: Ja bittte danke, grazie mille und merci! Manchmal darf man auch ein Glückspilz sein und muss nicht zum Forststraßen-Schwammerl werden.

Um vier Uhr früh marschieren wir in der kleinen Ortschaft Malga Ciapela beim Seilbahn-Parkplatz los. Unsere Shuttle-Jungs ersparen uns eine knappe Stunde auf der Straße – und so kommen wir um kurz nach fünf beim Refuge Falier vorbei.
Zwei Seilschaften, ein Ziel
Ja sehr cool, erfahren wir in den Bus gezwängt, sind wir also schon zwei Seilschaften mit ein und derselben Idee: Don Quixote! Sie ist eine der einfachsten Routen durch die mächtige Marmolada-Südwand (die Heinz Mariacher und Reinhard Schiestl 1979 eröffneten – Gewitter inklusive) und sollte auch für Otto-Normal-Kletterer mehr oder weniger gut machbar sein (exklusive Gewitter). Sind wir also hoffentlich richtig, den schönsten und stabilsten Tag der Woche haben wir auch abgewartet. Von dieser Wand träumen wir schon lange.

Was. Für. Ein. Panzer.
Im Zustieg lassen uns die beiden Franzosen ziemlich schnell wieder stehen. „Sind wir echt so langsam?“, fragen wir uns. Hier ein Foto, dort ein Foto, mhhhh wird die Pizza gut…. Naja, wen soll’s da wundern.

Die Höhle. Mag bestimmt auch Pizza!
Den Einstieg suchen unsere Freunde aber an falscher Stelle (rechts Jungs, weiter reeeeechts!) – und so kommen wir doch wieder gleichzeitig am Ende der Rampe unter der Kaminverschneidung an. Jo leck, mehr finster als sonnig wächst hier die Südwand ungefähr 800 Höhenmeter zum Firmament.

Vorfreude, Hochspannung.
Gruuuuseeeeeliiiiiig! Dass kurz unterm Einstieg ein geköpftes Eisgerät liegt, regt unsere Phantasien schauderhaft an. Besser an etwas Positives denken. Pizza Prosciutto, Pizza La Bomba, Pizza Della Casa… Aber zuerst natürlich: Klettern. Die Wand schaut einfach unglaublich lecker aus!
Don gemmas an!

Die ersten sieben auf einen Streich.
Bei einer dermaßen langen Tour (ca. 24 Seillängen laut Topo) legen wir uns gerne eine gute, schnelle Taktik zurecht. Die da wäre: Andi klettert im anfangs einfacheren Gelände voraus so lange es ihn freut und er noch Material am Gurt hängen hat (neben den Friends und Keilen auch vier Tiblocs) – und ich folge am „laufenden Seil“ – sprich wir klettern beide gleichzeitig – ob’s mich jetzt freut oder auch nicht. Da heißt’s dann auch doppelt zamreißen, weil stürzen einfach noch weniger drin ist als es im Alpinen eh schon nicht drin ist.

Cruise-Modus: on!
Nach unserer ersten (bzw. laut Topo der siebten) Seillänge sehen wir uns das erste Mal wieder. Wir kommen in einen richtigen Kletterfluss.
Es läuft!

Sehr flott kommen auch unsere Franzosen-Freunde voran und haben die ersten sieben Seillängen ebenso zusammengehängt. Komischerweise sind wir noch schneller – sie lassen uns vorbei (eigentlich hätten wir uns ja alleine für’s Mitnehmen erkenntlich gezeigt und sie voraus gelassen). Nachdem an dieser Stelle aber auch mehr Varianten möglich sind, kommen wir uns nicht einmal in die Quere. Und auch später nicht mehr…
Sie rechts, wir links – und der Blick nach oben taucht ein in ein Meer aus wunderbarem Kalkgestein. Andi schnappt sich auch in unserer „zweiten“ Länge das scharfe Seilende und will uns einen kleinen Vorsprung herausklettern – damit dann, wenn’s eng wird, keiner warten muss.
Und er klettert und klettert und er klettert noch immer…

…und da fegt er auch schon durch den Kamin mit einem grazilem Spagat, cruist über die folgende 6er-Stelle – naja, was bleibt mir jetzt auch anderes übrig, als ganz einfach hinterher zu klettern?
Vier offizielle Seillängen später macht er den zweiten Stand. Wie, schon am großen Band?

Großes Band in der Marmolada-Südwand, ungefähr 8 Uhr. Noch ein bisschen früh zum Biwak-Beziehen.
Die Steigeisen bleiben beim Zwischenstück im Rucksack – und wir sind jetzt gut warm geklettert. Gerade recht für den Plattenpanzer im oberen Teil der Tour! Kurz verschnaufen, wir liegen gut in der Zeit. Das Müsli-Frühstück hält noch immer an.

Hinein in die Plattenflucht des oberen Wandbereichs.

Zwischendurch schnapp auch ich mir für ein paar Seillängen die Führung – und da, endlich: in unserer „vierten“ Seillänge (der 15. laut Topo) ist sie endlich da, die Freude und Annehmlichkeit einer Südwand: die Sonne!

Sonneeeee 🙂
So klettert es sich gleich noch eine Spur fröhlicher! Kurz wird’s aber doch spooky, als ein paar Wölkchen aufziehen – und wir neben zwei einsam und verlassenen Seilsträngen herklettern. Warum hängen da bitte mitten in der Wand zwei Halbseile rum? Vom Rückzug einer Seilschaft…? Und einer geglückte Rettungsaktion? Zwei Knoten in den Seilenden, ein Karabiner baumelt lose daran, also baumelte. Wir hoffen fest, dass auch diese Geschichte ein Happy End hatte.

Und dazwischen nicht vergessen: Aussicht genießen. Wenn die Pizza nur halb so gut wird wie dieser Ausblick!

Postkartenpanorama
Am Ende unserer fünften Seillänge sind wir kurz stutzig: Wie jetzt… Schon an der Schlüsselstelle angekommen? Blick aufs Topo, Blick in die Wand. Da fehlt doch was…? Noch ein Blick. Ne, stimmt schon! Die Riss-Variante rechts? Im siebten Grad und mit vielen Schlaghaken sehr gut abgesichert. Oder die Original-Variante links? Eine kleine Spur einfacher bewertet, aber mit weniger Haken und daher mindestens genauso kühn. Andi tendiert nach links, kleiner Stein bricht aus, „das ist ein Zeichen“, entscheidet sich dann doch für rechts.

Hinein in die Schlüssel-Seillänge
Eine sehr gute Entscheidung! Ohne große Schwierigkeiten (bei Schwierigkeiten im 7. Grad) steigt er den steilen Riss vor, bastelt noch am Stand herum und ruft herunter: „Der ist Bomber.“ Da fällt auch mir noch ein kleines Steinchen vom Herzen – denn das lässt mich gleich befreiter drauf los klettern.

Voll konzentriert wart ich andauernd, dass es richtig schwer wird. Zu schwer für mich zum Freiklettern. Doch irgendwie findet sich Meter für Meter nicht nur ein Haken, sondern auch eine Lösung, ohne eine Exe herzuziehen! Ums Eck wird’s kurz knifflig, Haxen hoch zum stabilisieren – und irgendwie komm ich dann auch zum griffigen Teil im Riss.

Uhhhh yeah!!! Schlüsselstelle: check! Ein endlos geiles Gefühl, das wohl jeder Kletterer gut kennt. Ghetto-Faust, Bussi, weiter. Aber hey, da fehlt uns jetzt wirklich eine Seillänge, da kommt keine 6+ und keine Löcherplatte mehr daher!?
Aber dafür kommt…

…Eisschlag von links. Zum Glück prallen die Brocken in sicherer Entfernung von uns auf. Schnell ist man an den Sound gewöhnt – und ein bisschen alpin darf’s ja eh werden, die Marmolada. Auf den letzten beiden Seillängen (natürlich: die zu einer verschmelzen) gelangen wir auf der Westseite wieder in den Schatten… eine dünne Eisglasur macht hier für ein paar Meter den vierten und fünften Grad doch noch ein bisschen spannender als erwartet.
Aber dann…

Hoch die Hände!
Ende Klettergelände!

Andi hat’s schon aus den Socken gehaut. Und wie er sich auf das Güpfibussi freut 😉
Ende Klettergelände??? Wir können’s kaum glauben. Es ist noch nicht mal zwölf Uhr mittags! Und erst einer von vier Müsliriegeln ist verputzt! Dass wir nach fünfeinhalb Stunden schon hier oben stehen dürfen, auf dem Marmolada-Gipfel, der sich Ombretta nennt, das macht uns ganz schön fröhlich. Und das wir dafür nur acht Seillängen gebraucht haben, das ebenso.

Shiny, happy people. 🙂

Mahlzeit!
Okay… ich hab offensichtlich Essen für fünf Seilschaften eingepackt (man weiß ja nie… 😉 ). Aber das Ganze wieder mit runterzahn? Geht goa net! Also gibt’s jetzt ausgiebig Wurst, Brot und eines auf die Nuss. Auch wenn ma uns den Hunger eigentlich noch gut aufhalten könnten für – eh wissen.
Kaum Wind, viel Sonne – wir genießen die Brotzeit und die Einsamkeit. Also fast Einsamkeit. Von den Franzosen ist noch länger nichts zu sehen, aber unten am Gletscher zieht gerade ein Tourengeher seine Schwünge. Beneidenswert… Ob wir ihn bestechen könnten mit einem Würstl?

Zweimal abgeseilt…
…und schon landen wir auf der Skipiste. Anstatt Steigeisen wären die Skier (oder meinetwegen auch Schneeschuhe) heute echt hilfreicher. Ich steck‘ bis zu den Knie im Sumpf. Und Andi… naja bis zu den Knöcheln. 😉

Irgendwie erinnert uns die Marmolada ein kleines bisschen an den Dachstein. Ein Berg mit zwei Gesichtern: Im Süden zeigt er seine fette Wand, im Norden seinen mageren Gletscher. Schönheitspreis gibt’s keinen für die Nordseite. Der Süden ist dafür umso magischer.

Seilbahnen und Abdeckplanen.
Augen zu und durch, jetzt geht’s nur noch bergab. Nach der Stapferei wartet ein kleines Stück Schotterweg (also die schneefreie Skipiste) – und nach nur eineinhalb Stunden folgt der zweite Jackpot des Tages: unsere Bikes! Schon vorsorglich am Vorabend hier abgestellt am Fedaiapass bei der Seilbahn-Talstation – das Wiedersehen macht echt Freude. Den Abstieg hätten wir uns viel mühsamer vorgestellt. Früh im Jahr am Gletscher dran zu sein (wir waren am 22.6. unterwegs), das ist hier definitiv kein Fehler.

Die letzten 600 Höhenmeter gibt’s geschenkt. Wir rollen über die Passstraße. Andis „Tacho“ sagt Spitzen um 80 km/h.
Die Seilbahn war (Corona-bedingt) zwar noch nicht in Fahrt, aber dann wär‘ ma ja noch früher wieder unten gewesen! Und müssten noch länger auf’s Aufsperren einer Pizzeria warten?

Zurück zuhause, zehn Stunden nach Aufbruch.
Die Uhr zeigt irgendwas von 14 Uhr, das Thermometer schwitzt bei 30 Grad – und irgendwie wird uns schon jetzt klar, als der Kühlschrank-temperierte Radler die Kehle runter gluckert: Das mit der Pizzeria, das wird heut‘ nix mehr. Die Pizza hau‘ ma uns im Bus selbst in die Pfanne. Aber pronto.
Zwei Tage später am Falzaregopass – hey, da parken ja zufällig die Franzosen neben uns! Auch bei ihnen lief’s noch gut – mal abgesehen von einem hammerharten Verhauer und der Rückkehr zu ihrem Bus. Die Zufahrt war nämlich nicht erlaubt – es pickte ein Strafzettel auf der Scheibe: 50 Euro. Unser schlechtes Gewissen erleichterten wir, indem wir ihnen noch ein paar Bier spendierten. 😉

Einen Augenblick bitte…