Vom Schneemann sind nicht einmal mehr die Zehen übrig. Nach drei Wochen Schneefall hat sich (jabadabaduuuu!) endlich die Sonne durchgesetzt. Fünf Tage Schönwetter sind angesagt – da verlässt so gut wie jeder, der kann, das Basislager. Selbst der Schnee.

 

Im ersten Hochlager (auf 5900 Meter) herrscht buntes Treiben. Es wird beraten und gepackt für die Ziele G1 (8068 m), G2 (8034 m) und G4 (7925 m). Eine ausreichende Akklimatisation für einen Gipfelsturm in der Gasherbrum-Großfamilie fehlt allerdings noch jedem Bergsteiger. Die einen sprechen von einer Nacht auf mindestens 7000 Metern und dem Abstieg ins Basislager zur Regeneration, bis der „Summit Push“ gewagt werden kann. Andere sagen, zwei Nächte auf 6500 Metern könnten ausreichen für die „niedrigen“ Achttausendergipfel. Ausreichen, um lebensgefährlichen Höhenkrankheiten vorzubeugen.

 

In der Klemme

 

Wir sitzen im Zelt und doch in der Klemme. Der Blick zu unserem Ziel, dem G2, beunruhigt uns. Ungefähr drei Meter Schnee sind in den vergangenen drei Wochen gefallen – und sie hatten erst zwei Tage Zeit, um sich zu setzen. In den Alpen spräche man wohl von Lawinenwarnstufe 3 – einer Warnstufe, bei der man Hänge ab 35 Grad besser meidet. Hier stehen uns mehr als 2000 Höhenmeter mit Steilaufschwüngen an die 60 Grad bevor, unter 35 Grad kommt man nur selten. Soll heißen: So ganz koscher ist unser Traumberg nicht.

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Keine Fixseile am G2

 

Heuer macht sich keine große kommerzielle Expedition an den G2 – beziehungsweise ist eine Gruppe bereits abgereist, ehe sie einen Fuß auf den Berg setzte. Der G2 bleibt somit rein weiß, ohne Fixseile, ohne Lebensader, ohne Versicherung für den Abstieg. Ein Ausnahmezustand an einem der 14 höchsten Bergen der Welt. Ein Achttausender weitgehend im Alpinstil – darauf haben wir uns im ernsteren Fall eingestellt. Die Schneemassen, die haben wir allerdings nicht eingeplant. Ohne gute Verhältnisse wird eine Besteigung schwierig für uns. Bis unmöglich. So realistisch müssen wir sein.

 

Erhöhtes Risiko

 

Wir sehen drei Pünktchen. Sie arbeiten sich auf dem extrem steilen und schmalen Grat, der „Banana Ridge“, höher. Zwei französische Bergführer trauen sich mit einem Gast einen ersten Schritt auf den Berg. Alte G2-Hasen, die diesmal den G1 im Visier haben, können gar nicht hinsehen. Bei ihnen sei es nicht ungefährlich gewesen, diesmal sei es „even worse“. Wieviel Risiko mag man eingehen für einen Achttausender?

 

Wir trauen uns nicht!

 

Am späten Nachmittag erreicht die 8000er-erfahrene Dreier-Seilschaft das Lager 2 auf knapp 6500 Meter. Ihre Linie sieht vertretbar aus – aber der Weiterweg durch die Seracs erscheint nochmals schneereicher. Wir beschließen: Das ist uns zu heikel, wir trauen uns (noch) nicht einzusteigen. Andere Bergsteiger versuchen bereits, ihr G2-Permit mit dem G1 einzutauschen, weil dort Fixseile verlegt werden.

 

Wir fühlen uns etwas ratlos. Auf der einen Seite möchten wir nicht in diesen lawinengefährlichen Hang, auf der anderen Seite müssen wir das Wetterfenster nützen und endlich höher hinaus, um unsere Chance auf den Gipfel zu wahren.

 

Fremdgehen“ zum Akklimatisieren

 

Unsere Idee: Wir steigen ins objektiv sicherere Lager 2 vom G1 auf. Ein erneut ewiger Gletscherhatscher („davon haben wir dann die nächsten drei Jahre genug“, merkt Andi an) wird gefolgt vom nächsten Eisbruch. Unsere Motivation geht auf Sinkflug und macht eine Bruchlandung auf dem achtstündigen Anstieg, bei dem jeder Schritt unter der brütenden Hitze tief im Schnee versinkt. Wofür das Ganze…? Können wir nicht einfach in den Alpen klettern gehen? Wir holen uns aus dem Tief und verbringen zwei Tage auf 6550 Metern. 

 

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Uns geht’s gut (bis auf eine relativ hohe „Schnaufrate“). Nach diesem Gastspiel steigen wir noch nachts die 1500 Höhenmeter ins weit entfernte Basislager ab. An den Jojo-Effekt beim Achttausender-Bergsteigen müssen wir uns erst gewöhnen. Rauf und runter und rauf und runter… Mühsam, sagten wir das schon? 😉

 

G2, nicht aussichtslos

 

Beim Zwischenstopp in unserem Zelt im ersten Hochlager blicken wir sehnsüchtig zum G2. Für diesen Gipfel sind wir doch schon fünf Wochen lang unterwegs! Wir sehen zwei Bergsteiger, die es über die 7000 Meter hinaus geschafft haben. Wahnsinn! Zu viert war am Tag nach den Franzosen eine weitere starke Truppe am G2 eingestiegen – Adam Bielicki (der polnische Weltklasse-Höhenbergsteiger) mit Partner Jacek Czech (betreibt eine Kletterschule in der Tatra), der Deutsche Felix Berg (führt den Expeditionsveranstalter Summit Climb) und Boris Dedeshko (gewann den Piolet d‘Or, den „Bergsteiger-Oscar“, für eine abartige Route am Cho Oyu). Nun gut, sollten wir uns an diesen Größen messen? Muss auch nicht sein… und unsere Entscheidung hatten wir mit gutem Gefühl getroffen.

 

Danke, Adam!

 

Zurück im Basislager besuchen wir das deutsch-polnisch-kasachische Quartett, das sich bis auf gut 7000 Meter akklimatisierte. Ein stundenlanges, inspirierendes Gespräch mit Adam haucht uns frische Motivation ein. Er hat einige gute Nachrichten für uns, nur eine schlechte. Erst die guten: Lawinenmäßig sei der Anstieg bis auf eine Passage in Ordnung gewesen; die Kletterei ist richtig schön so ganz ohne Fixseile – ein anspruchsvoller und puristischer G2 wie er selten zu erleben ist; die Ausblicke dort oben sind sensationell. Nun zur schlechten Nachricht: Er legt uns wärmstens ans Herz, ebenfalls eine Nacht auf 7000 Metern zu verbringen (Lager 3), ehe wir den Gipfel versuchen. Die Höhe nur nicht überlisten – das kann zwar gut, aber mehr noch richtig ins Auge gehen. Das heißt also noch mindestens zweimal über den soooo mühsamen Southern Gasherbrum Glacier aufsteigen und auf passende Schönwetterfenster hoffen…

 

Die Höhe, der Faktor X

 

…aber sein Tipp leuchtet uns ein und macht Mut und Vorfreude. Wir wissen nicht, wie unser Körper (und Kopf) erstmals in dieser extremen Höhe funktionieren und reagieren wird. Die Gipfeletappe ist mit mehr als 1000 Höhenmetern sehr lang, da sollten wir schnell genug vorankommen. Und ein Berg ohne Fixseile heißt eben: Null Fehlertoleranz auch im Abstieg, wenn Körper, Kraft und Konzentration am Limit sind. Mit einer perfekten Akklimatisation sollten wir vielen Gefahren vorbeugen – und den Spaßfaktor in der dünnen Luft erhöhen. Vielleicht dürfen wir mit dieser Taktik die Gipfeletappe zumindest ein kleines bisschen genießen? Sich nicht nur hinaufschleppen, damit wir eben oben waren – voll am Limit, ohne überhaupt noch etwas wahrzunehmen? Wir können es kaum erwarten, wenn sich ein neuer Horizont für uns öffnet! Wir endlich klettern dürfen. Und von einem der höchsten Berge der Welt hinab blicken, weit nach Pakistan, China und Indien. Dieser Gedanke treibt uns wieder hinauf!

 

Ein Italiener starb am G4

 

Gasherbrumgipfel hin, Gasherbrumgipfel her – eine Nachricht relativiert plötzlich alles. Ein junger Italiener starb am G4, er kam unter eine Lawine, vermutlich ausgelöst durch ein Serac, beim Abseilen, das erzählt man sich. Er war unser Zeltnachbar im Basislager. Die Lücke, die er in seinem Team, bei seiner Familie, bei seinen Freunden und in so vieler Leben hinterlässt – gar nicht daran zu denken.

 

Wir legen uns mit gemischten Gefühlen ins Zelt, das seit mittlerweile einem Monat unser Schlafzimmer ist. Auch wenn es uns selbstverständlich ist, betonen wir es noch einmal, ehe wir die Augen schließen: „Das Allerallerwichtigste ist, dass wir gemeinsam und gesund wieder nach Hause kommen.“

 

 

Deine Post aus Pakistan

 

Wer uns unterstützen mag, den Berg an Expeditionskosten reduzieren, dem schicken wir gerne eine persönliche Karte aus dem Basecamp. Mit 10 Euro ist dein Postkasten dabei – mehr geht natürlich gerne ;-).

 

Bitte überweise uns deinen Grußkarten-Beitrag inklusive Namen und Adresse im Verwendungszweck auf unser Konto (IBAN: AT73 3438 0000 0243 3209) oder per Paypal auf www.paypal.me/andreaslattner

 

 

Dankeschön!

 

Auch unseren Sponsoren möchten wir besonders danken:

 

Kreatives Juwel, Oberbank, Exped, Bergsport Vasold, Komperdell, Airdesign Gliders, Lowa, Colop, Headstart, AV Kirchdorf, Gebirgsradverein Windischgarsten, Outdoortrends, Maxim Ropes.

 

Mehr über unser Abenteuer in Pakistan:

 

www.hochzwei.media/expedition-pakistan