Täglich grüßt das Geflügeltier

 

 

 

 

 

 

 


Schon die Fahrt von Skardu ins letzte Bergdorf Askole ist ein Abenteuer. Wir fühlen uns wie Schmutzwäsche in einer Waschmaschine – sechs Stunden im Schleudergang. Wir sitzen in einem zerbeulten Toyota Landcruiser.

Schlaglöcher, Schlammpfützen, Sturzbäche und Schotterhaufen wollen im Jeep bezwungen werden. Unser Fahrer leistet Millimeterarbeit. Für 200 Meter ist es in einem besonders abschüssigen Hang besser, auszusteigen und zu laufen. Todesfälle sind keine Seltenheit auf dieser Strecke – vor wenigen Jahren kam ein chinesischer Bergsteiger in einem Erdrutsch ums Leben,  fast alle Achttausender hatte er bereits bestiegen.

Bitte warten! Inshallah… 

Auf der mehr als 100 Kilometer langen Anreise werden wir zweimal bei militärischen Checkpoints angehalten. Armee-Offiziere prüfen unsere Pässe und Permits genau. Dass Papierkram in Pakistan häufig vorkommt und etwas länger dauern kann, das haben wir schon mitbekommen. Das Wort Pünktlichkeit dürfte erst gar nicht existieren auf Urdu und Balti. Dafür heißt es umso öfter “Inshallah”! So Gott will also, kommen wir hier weiter. Es dauert alles mindestens dreimal so lange wie ausgemacht. Eine Eigenheit, die für jene aus der Just-In-Time-Zeitzone schwer verständlich ist. Man gewöhnt sich aber an die pakistanische Zeitrechnung – und nimmt damit den Wind aus den eigenen Segeln. Wozu auch stressen? “Papers check” heißt es nach einer Stunde, in der wir in der prallen Sonne gewartet haben, der Schranken in die Bergwelt öffnet sich.

 
Mehr als 500.000 Kilometer hat unser Allrad-Gefährt auf dem Tacho – dass es überhaupt noch fährt, das gleicht einem Wunder. Dass wir auf der schmalen Rumpelpiste nur einmal mit dem Gegenverkehr touchieren, dies ebenfalls.

Die wandernde Zeltstadt 

Als wir müde und mit flauem Magen in Askole ankommen, ist unsere kleine Zeltfarm bereits aufgebaut. Wir mögen doch in unserem Essenszelt Platz nehmen, bittet uns Karim, unser Koch. Tee und Kekse sind aufgetischt. Karim wird mit Purman täglich dafür sorgen, dass wir kein Kilo von den Hüften verlieren. Weil wir mit unserer Agentur Mashabrum Expeditions nur zu zweit unterwegs sind, gehört uns auch dieser Service bis ins Basecamp alleine. Welch Luxus in dieser Abgeschiedenheit! Neben uns haben auch andere Expeditionen ihre Zelte aufgeschlagen, ihre Ziele reichen von K2 über Broad Peak, von den Gasherbrums bis zu Trekkingrunden.

Zurück in die Steinzeit 

In Askole wird in aller Einfachheit gelebt. Die Häuser sind mehr oder weniger wasserdichte Steinbauten. Ein Student lässt uns hinter seine Wände blicken – ein Blick in die Steinzeit. Seine Mutter sitzt am Boden vor einer kleinen Feuerstelle und bereitet Ciabatti für das Abendessen zu, das gibt es täglich, meist mit Reis und Gemüse. Sein Bruder lehnt umarmt mit einem Freund im Türrahmen und begrüßt uns freundlich. Durch ein Loch im Boden gelangt man über eine Holzleiter in einen Erdkeller – der Winterraum und Zufluchtsort vor Regen. Geschlafen wird ebenfalls unterirdisch. Die Augen von Wohlstands-Verwöhnten sehen hier bittere Armut. Die Einheimischen nicht, es ist ihr Leben, und das ist gut so.

“Gimmi pencil”

Im Freien werden die staubigen und schmutzigen Kleider in Bächen gewaschen, die durch die kleinen Gassen fließen. Viele Frauen verstecken sich vor den Bergsteigern und Trekkern – sehen sie eine Kamera, sind sie sekundenschnell hinter dem Gemäuer verschwunden. Fotografiert zu werden, verbietet ihre Religion. Als ich einem Mädchen als kleines Geschenk einen Buntstift gebe, ist innerhalb weniger Sekunden die halbe Dorfjugend um uns versammelt. Ich verteile viele Stifte, doch das Leuchten in den Kinderaugen verwandelt sich in Gier. Sie bedrängen mich, wollen mehr und mehr, rufen “Gimmi pencil”, und unsere Freude am Dorfspaziergang ist verflogen.

 
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Damit hätte ich rechnen müssen – die Bergsteiger sind in ihren Augen stinkreich. Kein Wunder, dass sie uns anbetteln und nicht genug kriegen können. Vor ein paar Jahren sei das noch anders gewesen, erzählt uns Szilaghi, er ist zum fünften Mal hier. Die Expeditionen bringen viel Beschäftigung für den Ort – aber möglicherweise nicht nur Segen.

Running Chicken

Die erste Nacht im Zelt, das für die nächsten 50 Tage unser Wohnzimmer ist, verläuft unangenehm. Zweimal bekomme ich einen schnellen Schritt – zur “Toilette”. Ein Ort, an dem man nicht freiwillig hinmöchte, ekelig ist ein Hilfswort, aber was sein muss, muss sein. Daran müssen wir uns wohl oder übel (eher übel) gewöhnen. Mit Empfindlichkeit kommt man auf keinen hohen Berg – nicht einmal annähernd. Vielleicht hätte ich beim Abendessen doch nicht von allem naschen sollen – dem Fried Chicken, dem Lieblingsfleisch der Pakistani, dem Karfiolgemüse, dem süß-sauren Geflügel-Gericht, der Wassermelone. Um drei Uhr werden wir aber ohnehin wach. Das Gebet tönt aus den Lautsprechern und legt sich als Klangteppich für die Muslime über Askole. Es dämmert bereits, erst nach Sonnenuntergang dürfen sie im Ramadan das nächste Mal etwas essen.

17 Männer, 8 Hühner, 7 Mulis, 1 Ziege

Wir frühstücken um sechs Uhr früh. Ehe es endlich mit dem Gehen losgeht, werden unsere Träger ihren Taschen, Tonnen, Kisten und Säcken zugeteilt. Wir schauen zu, wie sie ihre Lasten abwiegen, verteilen und schultern. Es gibt ein Höchstgewicht: 25 Kilogramm. Jeder hat die gleiche Kraxe aus Stahlrohren geschweißt und darauf selbstgemachte Riemen montiert. Pro Tag verdienen sie 1500 Rupien, umgerechnet etwa zehn Euro.

 
Eine große Action – insgesamt begleiten uns 17 Männer, sieben Mulis (eine Mischung aus Pferd und Esel), acht Hühner und eine Ziege den 100 Kilometer langen Fußmarsch bis ins Basislager vom Gasherbrum II. Die beiden Letztgenannten werden das Tal nicht lebend verlassen. Die Ziege haben wir am Weg bereits kennengelernt. Mir fällt es schwer, in ihre Augen zu blicken. So lieb ist die! Wir wissen aber, dass sie im Basecamp geschlachtet, im Gletschereis gelagert, gekocht und uns aufgetischt wird. Andi hat ihr den Namen “Goatfried” gegeben.

Es geht endlich los! 

Wir sind froh, als wir mit Askole das letzte Stück Zivilisation hinter uns lassen. Eine riesige Karawane zieht los ins tiefe Karakorum. Wie lange haben wir auf diesen Moment gewartet! Losgehen, Schritt finden, staunen. 900 Besucher machen sich im Jahr auf den Weg über den Baltoro-Gletscher. Das erzählt uns Muhammad, er ist Angestellter beim Nationalpark und registriert jeden, der eintreten möchte – das kostet 68 US-Dollar.

Zwischen Wüste und Wahnsinn

Die ersten Eindrücke vom Karakorum sind der Wahnsinn. Kaum biegen wir um eine Ecke, sehen wir in Eis gebettete Felszacken, die denen in Patagonien wahrscheinlich um nichts nachstehen. Mit dem Unterschied, dass sie hier nicht einmal Namen tragen. “That’s nothing, wait for the glacier”, sagt Ibrahim, unser Guide, der uns bis ins Basislager begleitet. 

 
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Irgendwie fühlen wir uns trotzdem im falschen Film. Sollte uns nicht kalt sein? Hier ist auf mehr als 3000 Meter über dem Meer noch immer Wüste. Bei 35 Grad plus sind die ersten Schritte äußerst anstrengend. Wir waten durch Sand. Die Sonne knallt auf uns herab, es gibt keine Bäume, die Schatten spenden. Erst nach drei Tagen und einer Marathonstrecke erreichen wir den Baltoro-Gletscher. Vorerst donnert eine braune Brühe an uns vorbei. Es umgibt uns bräunlich bis rötliches Gestein, darüber faszinieren uns die Türme aus Schnee und Fels. Eine surreale Landschaft, die uns irrsinnig gut gefällt – und im Kontrast zu Nepal steht. Das Auge erfreut sich nur selten am Grün. Einige der Porter haben bloß Sandalen an, ihre Zehen werden wohl nie wieder sauber. In ihren langen Kurtas leisten sie Schwerstarbeit, sind doch täglich etwa 20 Kilometer zurückzulegen.

Täglich grüßt das Hühnchen 

Bei unseren Camps warten wir auf die Träger, die unser Zeltlager von Neuem aufschlagen. Wir nächtigen auf offiziellen Lagerplätzen, die von allen Expeditionen genutzt werden. Hier gibt es auch Klokabinen (Nase und Augen zu und durch) und Wasserhähne. 35 Grad haben wir im Zelt, wo wir heißen Tee trinken. Wir sind zu durstig, um ihn auskühlen zu lassen. Nicht abgekochtes Wasser wollen wir unseren Mägen ersparen. Mit Magen-Darm-Problemen kämpfen einige – sogar Ibrahim.

Hektisches Treiben umgibt uns. Mulis wiehern (oder sind das doch Eselslaute?), Hühner gackern, Goatfried meckert und unter den Pakistani wird gekocht, geraucht, getratscht und herum geschrien. Und dann blicken wir aus dem Zelt – und es steht einer mit dem frisch geköpften Hendl da. Unserem Abendessen. 

By |2018-06-17T21:00:38+00:0017. Juni 2018|Expedition Pakistan|1 Comment

One Comment

  1. Peter 27. Juni 2018 at 23:36 - Reply

    Goatfried*lol*…der Name ist echt Weltklasse.

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